Priene liegt am Nordrand des Mäandertals (heute: Büyük Menderes) in der antiken Landschaft Jonien, knapp 100 km südlich des heutigen Izmir in der Westtürkei. Die Stadt wurde im 4. Jh. v. Chr. gegründet und war bis um 1300 n. Chr. bewohnt. Nach ihrer Wiederentdeckung im 17. Jahrhundert befassten sich im 18. und 19. Jahrhunderts mehrere britische Forschungsunternehmen mit dem schon in der Antike berühmtesten Gebäude der Stadt, dem Athenatempel des Architekten Pytheos. Im späten 19. Jahrhundert wurde unter der Leitung von Th. Wiegand und H. Schrader fast die Hälfte des Stadtgebietes freigelegt. Seitdem gilt Priene als Musterbeispiel einer spätklassisch–hellenistischen Planstadt. Anders als bei den meisten vergleichbaren Städten in der Region ist hier nämlich die Bausubstanz des 4. bis 1. Jahrhunderts v. Chr. durch Eingriffe der römischen Kaiserzeit nur wenig beeinträchtigt.

Wegen dieses guten Erhaltungszustandes und reicher Inschriftenfunde lassen sich viele Bereiche des öffentlichen Lebens dieser typischen hellenistischen Polis gut rekonstruieren und die damit verbundenen Gebäude und Anlagen mit Anschauung füllen. Dies gilt z. B. für das Theater, das als größter Versammlungsort im Stadtterritorium am Kultfest des Dionysos nicht nur der Schauplatz verschiedenster Aufführungen wie Pantomimen, Chöre oder Dramen, sondern auch der Verkündung von Beschlüssen der Volksversammlung und öffentlichen Ehrungen war. Weitere Brennpunkte des öffentlichen Lebens sind neben den zahlreichen Heiligtümern etwa das Bouleuterion, ein überdachtes Versammlungsgebäude, oder die Agora, der zentrale Platz, dessen Ränder von Denkmälern und Ehrenstatuen gesäumt wurden, und in dessen Hallen städtische Beamte ihre „Büros“ hatten.

Seit 1998 versuchen neuere Feldforschungen, ausgehend von den Ergebnissen der alten Grabung, die städtebauliche Entwicklung Prienes detailliert zu klären. Die Archäologen es 19. Jahrhunderts. haben durch ihre flächendeckende Tätigkeit zwar die Grundlagen für solche Untersuchungen geschaffen, gleichzeitig manchmal aber auch Befunde „weggegraben“, die aus heutiger Sicht wertvolle Informationen hätten liefern können. So zeigt der auf diese Grabungen zurückgehende Stadtplan eine Kombination von Bauten verschiedener Zeitstellung, die häufig noch gar nicht ermittelt ist. Die aktuellen Untersuchungen gelten nicht zuletzt der Frage nach der Umsetzung eines bei der Stadtgründung festgelegten Planes bzw. den Abweichungen davon. Im Vortrag sollen neben allgemeinen Aspekten vor allem solche Bereiche zu Sprache kommen, die einerseits für das Funktionieren der hellenistischen Stadt zentral und charakteristisch sind, andererseits auch einen Eindruck davon vermitteln können, wieweit das traditionelle Bild Prienes durch die laufenden Arbeiten verändert wird. Dies gilt z. B. für das berühmte Athenaheiligtum, das lange eine Baustelle war und seine monumentale Form erst ungefähr dreihundert Jahre nach Baubeginn erhalten hat, oder die Agora, deren architektonische Gestaltung zum einen über mehr als zweihundert Jahre den ursprünglichen Bebauungsplan konsequent umsetzt, zum anderen plötzliche Veränderungen erfährt, die offenbar zu Lasten der angrenzenden Hausbebauung gehen.

Zusammen mit: Freundeskreis der Antike, Bremer Gesellschaft für Vorgeschichte, Antikenmuseum im Schnoor

Di. 28. Febr. 2012, 20 Uhr / Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5 / Prof. Dr. Wulf Raecke, / Frankfurt/M.
Eintrittspreise: € 4,00; € 2,50 für Studenten, Rentner und Erwerbslose
Mitglieder der Wittheit, des Freundeskreises der Antike, der Bremer Gesellschaft für Vorgeschichte, des Antikenmuseums im Schnoor haben freien Eintritt.

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