Ein Künstler krabbelt über die Straßen von Bremen
Geschrieben von Norbert Hayduk in Aktionskunst, Aufführung, tags: McGovan, Würde
Mark McGovan ist in diesen Tagen unterwegs in Bremen. Er krabbelt durch die Bahnhofsvorstadt um auf Menschen aufmerksam zu machen, die kein würdevolles Leben führen können, obdachlos sind, oder aus sonstigen Gründen am Gesellschaftsrand leben. Er will 48 Stunden durchhalten und wir haben im Moment kein freundliches Wetter hier. Schneematsch, Kälte und Wind begleiten den Künstler auf seinem Weg. Seine berühmteste Performance hat Mark in New York 2007 durchgeführt, wo er in einer Maske von Bush krabbelnd, die Passanten aufgerufen hat ihm in den Allerwertesten zu treten.
Auch wenn mir die Aktion fast zu theatralisch erscheint, so ist der Zweck ohne Frage zu würdigen. Eigentlich seltsam, dass es in einem westlichen Industriestaat solcher Aktionen bedarf. Gut, dass einige mutige Künstler immer wieder die Kraft finden, die Missstände an den Pranger zu stellen. Im Moment überlege ich, ob ich von seiner Aktion Fotos mache, oder es bei textueller Aufarbeitung sein lasse. Einen krabbelnden Obdachlosen würde ich auch nicht ablichten. Wahrscheinlich aber suche ich ihn auf und schaue in seine Augen, wird reichen um ein Einverständnis, oder Ablehnung einzuholen. Wir wünschen Dir alles Gute Mark!
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“Auch wenn mir die Aktion fast zu theatralisch erscheint,…”
Uns ging das genauso. Wir haben seine Aktion mit sehr gemischten Gefühlen gesehen.
Aber Künstler haben eben eine feste Vorstellung von ihrer Performance.
Kein anderer Bremer Obdachloser verhält sich so, wir haben ihm das auch freundlich gesagt
Uns hat versöhnt, dass er selbst 5 Jahre in London auf der Straße gelebt hat
und somit aus eigener Erfahrung seine Performance gestaltet hat.
Einige Obdachlose haben sich über seine Aktion aufgeregt und fühlten sich verunglimpft.
Mit dieser Aktion würde erneut ein falsches öffentliches Bild von Obdachlosigkeit geprägt.
Man sollte bedenken, dass einige Obdachlose in der Lage waren, sich mit ihm auf Englisch zu unterhalten.
Obdachlose haben ihre eigene Würde, das ist teilweise das letzte, was ihnen geblieben ist.
Der Reporter, der uns begleitet hat, war erstaunt über seine Gespräche mit einigen Obdachlosen.
Das hat ihn nachdenklich gemacht und wird hoffentlich seine zukünftige Berichterstattung positiv beeinflussen.
Obdachlose sind keine Tiere im Zoo, man muss vorher fragen, bevor man sie filmt.
Wir versuchen auch, Kameras so weit wie möglich von denen fernzuhalten, die das nicht wünschen.
Es ist sowieso ein zweischneidiges Schwert.
Unser Eigenverständnis verträgt keine Kameras auf Obdachlose, viele schämen sich und haben Angst vor verunglimpfender Berichterstattung.
Andererseits brauchen wir die Aufmersamkeit der Öffentlichkeit, um auf Missstände aufmerksam zu machen.
Gerade 2010 im europäischen Jahr der Armut kann uns dies gelingen.
btw: Es war reiner Zufall, dass RTL uns am Mittwoch einen ganzen Tag gefilmt hat und dass Mark am gleichen Tag in Bremen war.
Somit hatten wir bis zu drei Filmteams an unserer Seite.
Und das war ganz schön anstrengend. Das sind wir nicht gewohnt.
Wir sind ja keine Medienprofis, sondern Ehrenamtliche Helfer.
Vielen, vielen Dank für das einfühlsame und hintergrundwissengeprägte Kommentar. Die Würde des Menschen ist in der Tat nichts, worüber man diskutieren kann. Jeder hat Eine, so sehe ich das auch. Sie hängt nicht vom Status, oder dem Vermögen ab, sie ist ein Recht und gleichzeitig ein kostbares Gut, welches man schützen muss (so sehe ich das). Insofern freuen mich Deine Worte, die das bestätigen.
Damit hängt unmittelbar die zweite Wahrheit, die Du ansprichst. Ein Schicksal in einem Bild festzuhalten ist eine Titanaufgabe. Selbst, wenn man selber vom Inhalt überzeugt ist, wird es immer noch Menschen geben, die es anders interpretieren. Deswegen scheue ich das Thema. Ein Filmer hat da andere Möglichkeiten. Ich wäre aber nicht abgeneigt es zu versuchen, wenn ich mich eine Person, die nah am Geschehen steht begleitet und hart kritisiert.
Diese Aktion scheint ein voller Erfolg gewesen zu sein. Ich habe nur positive Berichte darüber gelesen und werde sicherlich noch viel davon lesen. Das freut mich sehr.
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